Am 2. November 2025 fand in der KUNSTHALLE GIESSEN die Finissage der Ausstellung „(Un)Sichtbarkeit von Gewalt” statt. Zum Abschluss luden die Kuratorinnen Theresa Deichert, Larissa-Diana Fuhrmann und Nadia Ismail unter dem Titel „10 Fragen an …“ zu einem dialogischen Austauschformat ein: An drei Thementischen kam das Publikum mit Künstler Jonas Höschl, Mansoor Adayafi – einem ehemaligen Guantánamo-Häftling und Autor – sowie Tina Cramer, TraCe Referentin für Wissenstransfer, und den Kuratorinnen selbst ins Gespräch. Adayafi erschien in orangenfarbener Häftlingskleidung und erinnerte damit sichtbar an die Gewalt, die er selbst erfahren hatte. In den Gesprächsrunden diskutierten die Teilnehmenden über künstlerische Methoden, persönliche Erfahrungen und Gewalt, gesellschaftliche Verantwortung und die Verbindung zwischen Kunst und Forschung. Der rege Austausch wurde beim anschließenden Get-together im Foyer vertieft und weitergeführt.


Über zehn Wochen hinweg widmete sich die multimediale Gruppenausstellung der Frage, wie Kunst Gewalt sichtbar macht – oder verschleiert. In Kooperation mit dem Forschungszentrum „Transformations of Political Violence“ (TraCe) zeigte die Ausstellung internationale künstlerische Positionen, die Gewalt in ihren unterschiedlichen Formen dokumentierten, erfahrbar machten oder kritisch reflektierten. Kuratiert wurde die Ausstellung von Nadia Ismail, Theresa Deichert und Larissa-Diana Fuhrmann.
Neben den offensichtlichen Bildern von Krieg oder Zerstörung richtete die Ausstellung den Blick gezielt auf weniger sichtbare Dimensionen von Gewalt – strukturell, psychisch oder geschlechtsspezifisch –, die häufig übersehen und gesellschaftlich verdrängt werden. Die Werke gingen der Frage nach, wer darüber entscheidet was gezeigt wird und was verborgen bleibt – und wie die Sichtbarwerdung künstlerisch gelingen kann. Insgesamt forderte die Ausstellung dazu auf, eigene Sehgewohnheiten zu hinterfragen und sich mit den zugrundeliegenden Machtstrukturen auseinanderzusetzen.
Die Ausstellung war damit nicht nur ein künstlerisches Projekt, sondern zugleich ein Raum für Forschung und Diskussion – wie Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher bereits in seinem Grußwort zur Vernissage am 22. August 2025 betonte.
Ein vielfältiges Begleitprogramm vertiefte die Auseinandersetzung: Das Format „Kunst und Kaffee“ lud am 24. September zu einem offenen Austausch ein, „Art Buzz“ richtete sich mit Kurzführungen und Getränken am 18. September an junge Kulturinteressierte, und am 1. Oktober zeigte die Kunsthalle den Dokumentarfilm „Death of a Prisoner“ (2013) von Laura Poitras. Im anschließenden Gespräch reflektierten Larissa-Diana Fuhrmann und Sebastian Köthe den Dokumentarfilm über die Rückführung des Leichnams von Guantánamo-Gefangenem Adnan Latif in den Jemen.
Während ihrer zehnwöchigen Laufzeit besuchten mehr als 2200 Besucher:innen die Ausstellung in der KUNSTHALLE GIESSEN, darunter auch mehrere Schulklassen. Damit gehörte die Ausstellung zu den meistbesuchten Ausstellungen der Kunsthalle, trotz leicht kürzerer Laufzeit.


Auch über das Ende der Ausstellung hinaus bleibt das Thema präsent: Anlässlich der Ausstellungseröffnung erschien das TraCe Working Paper No. 6. Mit einem Vorwort von Larissa-Diana Fuhrmann und Tina Cramer untersucht die Publikation, welche Mechanismen die Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit von Gewalt prägen – und wie Gewalt dokumentiert, instrumentalisiert oder zensiert wird. Beiträge stammen von TraCe Forscher:innen sowie Kunsthallendirektorin Nadia Ismail.
Außerdem hat die KUNSTHALLE GIESSEN gemeinsam mit TraCe ein Journal zur Vertiefung der Ausstellung veröffentlicht. Das Journal bietet einen tieferen Einblick in die Inhalte und Fragestellungen, die in der Ausstellung thematisiert werden. Die theoretischen Texte von Autor:innen und Kurator:innen werden begleitet von Biografien der teilnehmenden Künstler:innen sowie Installationsansichten aus der Kunsthalle.