Interpretationen politischer Gewalt

Das Forschungs­feld Interpretationen betrachtet den Wandel politischer Gewalt durch die Perspektive ver­änderter Inter­pretationsprozesse, sozialer Praktiken sowie indi­vidueller und kollektiver normativer Be­wertungen. 

Dabei nimmt das Forschungsfeld sowohl in den Blick, wie sich Rechtferti­gungsmuster und Bedeutungs­zuschreibungen politischer Gewalt verändern, als auch welchen Beitrag Erinnerungs­diskurse, -räume und –praktiken zur Neu­interpretation von Gewalt leisten. Ein spezieller Fokus liegt auf der Stadt als zentraler Raum der Praxis und Inter­pretation von Gewalt. Ein gemeinsamer Forschungsschwerpunkt untersucht zudem seit 2026, wie Vorstellungen von Gerechtigkeit die Interpretation politischer Konflikte prägen.

Die rele­vantesten Pu­blikationen aus dem For­schungs­feld Interpretationen sind auf der Publikations­seite „High­lights“ zusammengestellt.

Der aktuelle Forschungs­schwerpunkt Gerechtigkeit und Rechtfertigungen: Umkämpfte Interpretationen und Räume politischer Gewalt un­tersucht, wie Vorstellungen von Ge­rechtigkeit politische Konflikte und ihre Deutung prägen. Von In­teresse ist hier ins­besondere, wie Gerechtigkeit in unterschiedlichen Ko­ntexten und Räumen politischer Ge­walt mobilisiert, um­kämpft und instrumenta­lisiert wird. Die Forschenden analysieren etwa Forderungen zur Auf­arbeitung und An­erkennung nach Gewalterfahrungen oder wie unter­schiedliche Vorstellungen von Gerechtig­keit Konflikte verändern und dabei teil­weise verschärfen. Außerdem fragen sie, wie In­terpretationen von Gewalt genutzt werden, um nicht­staatliche oder staatliche Gewalt zu recht­fertigen, beispiels­weise in Gestalt der Ver­sicherheitlichung städtischer Räume; oder wie normative Be­urteilungen dazu, ob politische Gewalt gerecht­fertigt ist, be­gründet werden. Dabei unterscheiden die Forschenden zwischen Recht und Gerechtig­keit: Schließlich stellen Ge­rechtigkeitsforderungen be­stehendes Recht häufig in Frage oder gehen darüber hinaus, ins­besondere in Kontexten autoritärer Herrschaft oder systemischer Ge­walt. Der Forschungs­schwerpunkt verbindet theoretische Pers­pektiven mit Fallstudien aus ver­schiedenen Weltregionen und zielt auf ein besseres Ver­ständnis politischer Gewalt, ihrer Deutung und Pro­zessen der gesellschaftlichen Legitimation. 

Aufgrund der Deutungs­hoheit machtvoller Akteur:­innen untersucht das Arbeitspaket Deutung von Gewalt, wie und mit welchen Konse­quenzen sich die Rechtfertigungs­muster und Bedeutungs­zu­schreibungen politischer Gewalt ver­ändern. Zum einen steht anhand des Fall­beispiels Kolumbien der Effekt im Fokus, den Ligaturen der Gewalt (z.B. koloniale Normen und Praktiken) auf rezente Gewalt­entwicklungen, Friedens­prozesse und das Über­leben autoritärer Struk­turen haben. In einem anderen Projekt analysieren die Forschenden anhand der An­erkennung von kolonialen Völkermorden (konkret an Herero und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika und an indigenen Völkern in Siedlerkolonialstaaten), wie die Um­deutung his­torischer Gewalt erreicht wurde und welchen Ein­fluss sie auf politische Be­ziehungen hat. 

Das Arbeits­paket Erinnerung an Gewalt untersucht, wie der seit den 1980er/90er Jahren zu be­obachtende Heritage bzw. Memory Boom auf gesellschaftliche Neu­interpretationen von Gewalt wirkt. Anhand von Fall­beispielen in verschiedenen Teilen der Welt untersuchen die Forschenden, in­wiefern Protest gegen historische Heroisierung in Form von Denkmal­stürzen die Auf­merksamkeit auf marginalisierte Opfer, Gewalt-Täter:innen und Gewalt­formen sichtbar macht: Können Diskurse der Gegen­öffentlichkeit so in den Mittel­punkt gesellschaftlicher Debatte gebracht und damit auch die offizielle Gedenkkultur verändert werden?  

Mittels des Fokus auf die Stadt als zentraler Raum von Gewalt­praxis und -interpretation widmet sich das Arbeits­paket Interpretation von Gewalt in der Stadt historischen Analysen von Gewalt in Straßen­protesten. Die Forschenden nutzen Archiv­studien, Interviews und Bild­analysen städtischer Proteste in euro­päischen Metropolen und den USA, um Formen der Gewalt, Kontinuitäten und Wand­lung von Aktions- und Einhegungs­formen unter Bedingungen von Stadträumen nachzuvollziehen. Darüber hinaus untersuchen sie urbanen Terrorismus und Zusammen­hänge sowie Wechsel­wirkungen zwischen Stadt als diversem Sozial­raum und spezifischen Formen des Islamistischen Terrors.