Vierte Jahreskonferenz „Beyond the Spectacle“ fand in Marburg statt

Forschende diskutieren „slow violence“ bei vierter TraCe Jahreskonferenz

Kriege, Terroranschläge und spektakuläre Gewalt­anwendungen dominieren Medien und öffentliche Wahr­nehmung – doch viele Formen von Gewalt wirken leise, ent­falten sich schleichend und bleiben oft un­sichtbar. Mit dem Konzept der „slow violence“ rückte die vierte TraCe Jahres­konferenz vom 19.–21. November 2025 in Marburg diese schleichenden Gewalt­dynamiken in den Vordergrund. Über 130 Teil­nehmer:innen diskutierten unter dem Titel „Beyond the Spectacle: Interdisciplinary Approaches to Slow Violence and Political Harm“ das Konzept und dessen Aus­wirkungen, um so die Forschung zu Gewalt und ihren Trans­formationen zu vertiefen. Organisiert wurde die Kon­ferenz von Felix Anderl, Kristine Andra Avram, Thorsten Bonacker, Anika Oettler und Mariel Reiss (alle Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg).

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Eine Frau steht am Rednerpult und spricht, im Hintergrund ist das TraCe Logo

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Öffentliches Dialogpanel im Historischen Rathaussaal

Den Auf­takt bildete am Abend des 19. November das öffentliche Dialogpanel im Historischen Rat­haussaal mit dem Titel „Gewalt in Zeitlupe: Fehlende Auf­merksamkeit für schleichende Zerstörung“ im Historischen Rat­haussaal. Unter Mod­eration von Verena Mischitz brachte das Panel Perspektiven aus Forschung, Journa­lismus und Aktivismus zusammen. Im Mittel­punkt der Diskussion standen Formen öko­logischer Zerstörung – wie die Klima­krise oder die Folgen der Nuklear­katastrophe von Fukushima – als Beispiele schleichender Ge­walt. Die Panelist:innen Theresa Deichert (Kunst­historikerin und Kuratorin, KUNSTHALLE GIESSEN), Carla Hinrichs (Klima­aktivistin), Jakob Simmank (Gesundheits­journalist, DIE ZEIT) und Anika Oettler widmeten sich zu­nächst der Kon­zeptualisierung von „slow violence“ und die Ab­grenzung zu anderen Formen und Di­mensionen der Gewalt. 

Darüber hi­naus diskutierten sowohl die Panelist:innen als auch das Pu­blikum die Rolle von Medien, Wissen­schaft und Ge­sellschaft bei der (Un)-Sichtbarmachung schleichender Ge­walt: Braucht es ihre Spektaku­larisierung, um Auf­merksamkeit auf sie zu lenken – oder scheitert es am po­litischen und gesellschaftlichen Willen zur Ver­änderung? Können Verantwortliche für „slow violence“ identi­fiziert und juristisch zur Rechen­schaft gezogen werden? 

Die angeregte Publikumsdis­kussion wurde bei einem Empfang mit Getränken und Snacks vertieft. Eine Aufnahme des Dialogpanels steht auf YouTube zur Verfügung.

Wissenschaftliche Konferenz: „Beyond the Spectacle“

Am Donnerstagmorgen, 20. November 2025 eröffneten Thorsten Bonacker und K. Andra Avram mit einem Gruß­wort die wissen­schaftliche Konferenz. In acht Panels und zwei Keynotes dis­kutierten mehr als 40 Beitragende un­terschiedliche Formen, Wahrnehmungen und metho­dologische Zugänge zu „slow violence“. 

Die Auftakt­panel beleuchteten geografische Kontexte und tempo­rale Dimensionen von „slow violence“: Während Panel 1 Bei­spiele aus Brasilien, Äthiopien und Mexiko in den Blick nahm, fo­kussierte Panel 2 auf die Einfluss­kraft unterschiedlicher Zeitlich­keiten politischer Konflikte. Hanna Pfeifer zeigte in ihrem Bei­trag „Slow and Spectacular Violence in Israel’s Plausible Genocide in Palestine“, wie un­mittelbare Gewalt und lang­fristige Zerstörung – auf­grund zerstörter Gesundheits­infrastrukturen oder öko­logischer Folgeschäden – ineinander­greifen. 

Nach einer Kaffee­pause standen im Rahmen der Panels 3 und 4 urbane und methodo­logische Fragen im Vorder­grund. Unter der Mo­deration von Tareq Sydiq be­leuchteten Sybille Frank und Jona Schwerer im Panel 3 „Urban Violence“ die tempo­ralen und örtlichen Nach­wirkungen von Amokfahrten im öffentlichen Raum – exemplarisch an­hand der Anschläge von Nizza (2016), Berlin (2016) und Barcelona (2017). Dabei ver­deutlichten sie die ambi­valente Natur architektonischer Veränderungen im Nach­gang der An­griffe durch die Installation von Mahn­malen oder Sicherheits­architektur: Dienen sie einer­seits der Erinnerung an die ver­gangene Gewalt und dem Schutz vor zu­künftiger Gewalt, schreiben sie diese ver­gangene Gewalt zugleich in die Gegen­wart ein und halten das Po­tential zukünftiger Gewalt­taten beständig wach. 

Panel 4 widmete sich methodischen Zu­gängen zu slow violence“. Thorsten Bonacker und Sven Opitz dis­kutierten methodologische An­sätze, um atmosphärische Gewalt jen­seits des unmittelbar Sicht­baren analytisch zu erfassen. Lam-Phuong Nguyen Pham prä­sentierte mit „Swiddening, Weaving & Decocting Methodology: Understanding Violence through the Embodied Experience of Feminized/Feminine Subjects“ einen ver­körperlichten Forschungs­ansatz, der Erfahrungen femininer Sub­jekte über Techniken wie Weben oder tra­ditionelle Verarbeitungs­praktiken methodisch zugänglich macht. 

Am Nachmittag moderierte Juliana González Villamizar Panel 5 zu „Embodied Harm and (In)visible Suffering“. Die Bei­träge thematisierten Gewalt gegen­über Migrant:innen und Geflüchteten in Europa sowie sexualisierte Gewalt als Form von „slow violence“. Ins­besondere chronische Unsicherheit und mentale Be­lastungen im Kontext von Migration wurden als Gewalt konzeptualisiert. Das zweite Nachmittags­panel richtete den Blick auf in­stitutionelle Gewalt. K. Andra Avram analysierte in ihrem Beitrag Ver­zögerungen in der Strafverfolgung als Form von „slow violence“. Am Bei­spiel des rumänischen Justiz­systems zeigte sie, wie in­stitutionelle Kontinuitäten die An­erkennung von Leid verzögern, Gerechtigkeit er­schweren und so letztlich gesell­schaftliches Vertrauen in staatliche In­stitutionen untergraben.

Den Ab­schluss des ersten Konferenz­tages bildete Natascha Mueller-Hirth (Robert Gordon University, UK) mit ihrer Key­note „Temporalities of Violence at the Urban Margins“, in der sie Er­gebnisse von Forschungs­projekten in Nairobi präsentierte. Sie zeigte, wie sich multiple Krisen und Gewalt­formen – von Umwelt­zerstörung und Krank­heiten über Lebens­haltungskrisen bis zu Pandemieeffekten und er­zwungenen Räumungen – über­lagern. Anhand eines im Rahmen ihres Forschungs­projekts entstandenen Films veranschaulichte sie, wie gemeinschaftsbasierte Organi­sationen auf diese komplexen Heraus­forderungen reagieren.

Den letzten Konferenz­tag eröffneten das Panel 7 unter Mo­deration von Anika Oettler und Panel 8 unter Moderation von Mina Ibrahim. Panel 7 thematisierte Ge­walt gegen LGBTIQ+-Personen, darunter rechte Re­pression, Buch­verbote zu sexueller Auf­klärung in den USA und die Normalisierung von Ge­walt gegen trans Personen. Ãryã Jeipea Karijo und Mariel Reiss er­gänzten die Debatte und dis­kutierten in ihrem Beitrag die Gewalt gegen LGBTIQ+ Personen in Kenia, die im aktuellen kenianischen Dis­kurs als Vertreter:innen des Kolonialismus geframed und ihre Identität als „unafrikanisch” positioniert werden. Panel 8 widmete sich Umwelt­verschmutzung und Umwelt­zerstörung als Dimension von „slow violence“. Dis­kutiert wurden unter anderem der Ein­satz des Pestizids Chlordecon, der Ex­ktraktivismus natürlicher Ressourcen oder Infra­strukturkonflikte als Beispiele schleichender Ge­walt. 

Den Ab­schluss der Konferenz bildete die Key­note von Eyal Weizman (Forensic Architecture, UK), mo­deriert von Susanne Buckley-Zistel. Weizman analysierte in seinem Vortrag „Ungrounding: Israel’s Architecture of Genocide“ die räumlichen Ge­waltstrukturen in Gaza und zeigte, wie Forensic Architecture die Zer­störung an der Oberfläche sicht­bar macht, was er als „Ungrounding“ be­zeichnet. Mithilfe von Satelliten­bildern, moderner Software und der Überlagerung ver­schiedener geo­graphischer Daten vollzieht die Organ­isation diese Zer­störung nach. Mit knapp 120 Zu­hörenden stoß die anschauliche Keynote auf großes Interesse – die an­schließende Diskussion vertiefte eine Reihe von As­pekten: Die De­finition und Anwend­barkeit des Genozid-Begriffs, Wissen­schaftsfreiheit, die (counter-)forensische Methode und die Rolle von Ver­gangenheit und Erinnerung.

Mit einem ge­meinsamen Mittagessen und ab­schließenden Worten von Anika Oettler, Mariel Reiss und K. Andra Avram endete die Konferenz. In einer nicht-öffentlichen Sitzung trafen sich dann am Nach­mittag die Mitglieder des TraCe-Verbundes mit den Mit­gliedern des wissen­schaftlichen Beirats. Der Verbund präsentierte Anoma Pieris, Stathis Kalyvas und Eyal Benvenisti den Stand der ak­tuellen Forschung und die Zukunfts­pläne über die aktuelle Förder­phase hinaus. 

Die informellen Konferenzmomente bei Mittags- und Kaffee­pausen sowie die ge­meinsamen Konferenzdinner boten den Teil­nehmenden auch die Gelegenheit, die in­haltliche Diskussion fortzuführen und sich darüber hinaus aus­zutauschen. Insgesamt erwies sich Kon­zept der „slow violence“ als guter Rahmen, um Di­mensionen der Gewalt aus ver­schiedenen dis­ziplinären Perspektiven und metho­dischen Zugängen er­fassen und be­schreiben zu können.