Colonial Pasts and Contemporary Search for Justice

PRIF-Jahreskonferenz 2025, realisiert in Kooperation mit TraCe, beleuchtete Restitution, Reparation und Machtverhältnisse

Wie können Gesellschaften ihre ko­lonialen Ver­gangenheiten nicht nur anerkennen, sondern konkret Verantwortung übernehmen und Stru­kturen verändern, die bis heute historisches Unrecht aufrechterhalten? Diese Frage stand im Zentrum der Jahres­konferenz 2025 des Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) mit dem Titel „Co­lonial Pasts and Contemporary Search for Justice: Interdisciplinary Perspectives on the Politcs of Restitution and Redress for Colonial Violence“, die am 25. und 26. Sep­tember stattfand. Die Konferenz, die in diesem Jahr in Ko­operation mit TraCe durch­geführt und vom Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“ ge­fördert wurde, brachte über 70 Teilnehmende, vor allem Wissen­schaftler:innen ver­schiedener Disziplinen, aber auch Kunst­schaffende, Aktivist:innen und Aktive aus der po­litischen Bildungsarbeit im neuen In­stitutsgebäude in Sachsenhausen zusammen. 

Im Rahmen der ins­gesamt vier wissenschaftlichen Panel, der Keynote-Rede und einer ab­schließenden Roundtable-Diskussion gingen die Konferenz­teilnehmenden der Frage nach, wie ko­loniale Vergangenheiten und ihre Kontinuitäten wirksam auf­gearbeitet und möglicherweise über­wunden werden können. Bei der Dis­kussion der Erfahrungen und Debatten aus verschiedenen Weltregionen wurden Themen wie die zu­nehmenden Forderungen nach Reparation und Re­stitution, Umweltgerechtigkeit, historischer An­erkennung und inklusiver Erinnerung sowie die in­stitutionellen und politischen Rahmen­bedingungen zu ihrer Ermöglichung adressiert.

Nach einer Eröffnung, mit der die Organi­satorin Sabine Mannitz in die Ziele und Inhalte der Konferenz einführte, machte Tanja Bührer (Universität Salzburg) mit ihrer Keynote „Delimitations of Violence in Colonial Contexts“ den Auf­takt. Ihr Beitrag zeichnete historisch nach, wie die euro­päischen Mächte für ihren Umgang in Europa politische und rechtliche Überein­künfte trafen, um Formen exzessiver Ge­walt einzudämmen, die sie jedoch in den kolonisierten Teilen der Welt ohne Skrupel praktizierten. Le­gitimierende Diskurse wie die Verbreitung von „zivilisatorischem Fortschritt“ bildeten eine ge­meinsame Basis.

Das erste Panel „Dealing with Colonial Violence of Empire“, mo­deriert von der Co-Organisatorin Caroline Fehl (PRIF), brachte Bei­träge von Asha Herten-Crabb (LSE), Laura Kotzur (FU Berlin) und Tom Bentley (Aberdeen) zu­sammen. Ihr Fokus war auf die ko­lonisierende Grundlegung imperialer Staaten gerichtet und thema­tisierte u. a. die an­haltende Glorifizierung der Kolonialzeit im Falle Großbritanniens.

Im Rahmen des zweiten Panels, mo­deriert von Simone Wisotzki (PRIF), richtete sich der Blick der Panelist:innen auf nu­kleare Kolonialität. Im Rahmen ihrer Beiträge the­matisierten Jana Baldus und Caroline Fehl (beide PRIF), Mathilde Kraft (Universität Hamburg), Re­becca Hogue (University of Toronto), Aigerim Seitenova (Gründungsmitglied der Qazaq Nuclear Frontline Coalition) und Milla Vaha (University of the South Pacific) Atom­tests in vergangenen und gegenwärtig kolonisierten Räumen, künstlerische und fe­ministische Zugänge sowie Forderungen nach Gerechtigkeit für durch Strahlung und Umwelt­zerstörung Betroffene. Zum Abschluss des ersten Konferenz­tags präsentierte Aigerim Seitenova ihren Film „JARA – Radioactive Patriarchy: Women of Qazaqstan“. In dem Dokumentar­film, den Regisseurin Seitenova bereits zum zweiten Mal am PRIF vorführte, be­leuchtet sie die Geschichte von sechs kasachischen Frauen, die von den Atom­tests in der Region Semipalatinsk zu Sowjetzeiten und deren an­haltenden Auswirkungen betroffen waren und sind.

Den zweiten Konferenz­tag eröffnete eine Diskussion zu juristischen Heraus­forderungen unter Moderation von Jonatan Kurzwelly (PRIF): Sabine Mannitz und Núrel Reitz, Saana Hansen (Uni­versität Helsinki), Lina Schneider und Juliette Vargas Trujillo (CAPAZ) dis­kutierten in ihren Beiträgen die Ambivalenz des Rechts sowohl als In­strument kolonialer Unter­drückung als auch einem Weg zu Anerkennung und möglichen Formen des Aus­gleichs.

Das Panel „Restitution Dilemmas“ unter Moderation von Kaya de Wolff  brachte kon­krete Konflikte um Entschädigungen ins Spiel. Bettina Brockmeyer, Festo W. Gabriel (Ruaha Catholic University), Valence Silayo (Tumaini University Daressalam) und Jonatan Kurzwelly (PRIF) setzten sich damit aus­einander, inwiefern Restitution über die bloße Rück­gabe von Objekten oder menschlichen Überresten hinaus als Teil von Gerechtigkeits­prozessen verstanden werden kann, und welche kon­zeptionellen Fragen mit Rückgabe oder „Repatriierung“ ver­bunden sind.

Im abschließenden Round­table „Changing Pracices and Ethics of Researching Colonial Pasts and (In)Justice” re­flektierten Sophia Birchinger (PRIF), Larissa Fuhrmann, Sait Matty Jaw (PRIF), Katarzyna Grabska (Universität Genf), Juliana González Villamizar, Jephta Uaravaera Nghuherimo und Siddhart Tripathi (Universität Erfurt) unter Mo­deration von Antonia Witt (PRIF) verschiedene methodische und ethische Fragen. Einen Schwer­punkt bildete dabei die Forderung nach kollaborativer Forschung und Fairness im Um­gang mit den Partner:innen der Wissensproduktion. Während Einigkeit in der Ab­lehnung „extraktiver Forschung“ bestand, wurde zu­gleich deutlich, dass strukturelle Hürden existieren, welche Un­gleichgewichte erzeugen und den angestrebten Formen der Zusammen­arbeit vielfach entgegenstehen.

Mit einem Schluss­wort der Co-Organisatorinnen Caroline Fehl und Jana Baldus (beide PRIF) endete die Jahres­konferenz am Freitagnachmittag und bot mit einem Abschieds­kaffee weiteren Raum für in­formelle Gespräche und eine Re­flexion der intensiven zwei Tage.